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S. Wendel, im Juni 2006. Wie zu besten Zeiten spielt und tobt Katharina Moll (43) mit einer kaum zu bändigenden Kinderschar. Seit nunmehr 21 Jahren räumt die passionierte Kindergärtnerin Bauklötzchen ein, singt mit den Kindern Lieder, macht Bewegungsspiele, bastelt und schlichtet Streit. Dabei war ihr zwischenzeitlich der Spaß an ihrem Beruf vergangen. Moll fühlte sich nach 20 Berufsjahren permanent gestresst und war kaum noch belastbar. Hinzu kam ein ständiges und nicht zu unterdrückendes Rauschen im Ohr. Tinnitus so lautete die Diagnose des Arztes. Waren die Kindergeräusche früher wie Musik in Ihren Ohren, so empfand Katharina Moll die Geräuschkulisse zunehmend als Lärm.
Kindergärtnerinnen besonders gefährdete Berufsgruppe
Eine aktuelle Emnid-Umfrage, die anlässlich des internationalen Tags gegen den Lärm im April dieses Jahres vorgestellt wurde, zeigt deutlich auf, wie viele Menschen unter Lärm leiden. Jeder dritte Berufstätige fühlt sich durch Lärm am Arbeitsplatz gestört und reagiert darauf gereizt und angespannt. Eine für Hörschädigungen besonders gefährdete Berufsgruppe sind dabei Kindergärtnerinnen. Dr. Harald Seidler, Chefarzt der Tinnitus-Spezialklinik in den MediClin Bosenberg Kliniken, konnte der Fall Moll daher nicht verwundern: „Wir haben häufig Patientinnen dieser Berufsgruppe in Behandlung. Unsere Erfahrung zeigt, dass kaum jemand derart Tinnitus-gefährdet ist, wie Kindergärtnerinnen.“
Eine von den Bosenberg Kliniken zusammen mit dem Gesundheitsamt Neunkirchen/Saar durchgeführte Studie über Lärmprävention und Lärmbelastung innerhalb einer Stadt untermauert diese Einschätzung. Im Rahmen der Studie wurde eine Lärmpegelmessung in Kindergärten vorgenommen, die zu Tage förderte, dass etwas beim Zusammenpacken von Spielzeugkisten der Lärmpegel bei 95 Dezibel lag. Ab 85 Dezibel wird wohlgemerkt jene Grenze überschritten, von der an Lärmschädigungen einsetzen können. „Eine Lärmschwerhörigkeit ist umso wahrscheinlicher, wenn über viele Stunden hinweg diese Grenze überschritten wird. Und dies ist in Kindergärten häufig der Fall“, unterstreicht Dr. Seidler. „Unterschätzt wird vor allem, welcher Lärm von Kinderspielzeug ausgehen kann. Schließlich halten Kinder mit ihrer Hupe oder der Spielzeugpistole nur selten die Sicherheitsabstände zum Ohr ein.“
Wie Schwerhörigkeit im Beruf entsteht
Nicht jeder Berufstätige, der einer Lärmbelastung ausgesetzt ist, wird automatisch schwerhörig. „Es gibt Menschen, die arbeiten 30 Jahre im ständigen Lärm und hören immer noch verhältnismäßig gut. Andere Menschen, die einer ähnlichen Lärmbelästigung ausgesetzt sind, haben dagegen eine an Taubheit grenzende hochgradige Schwerhörigkeit“, so Dr. Seidler. Neben der Lärmexposition spielt die genetische Komponente eine wichtige Rolle. Selbst eine Hörschädigung zu erleiden ist dann wahrscheinlicher, wenn man aus einer Familie stammt, in der es schon häufiger zu Hörschädigungen gekommen ist. Hinzu kommt die psychische Komponente. Die Entstehung einer Hörschädigung wird begünstigt, wenn der Lärm mit etwas Negativem assoziiert wird. „Ist man etwa Musiker und spielt leidenschaftlich gern Schlagzeug, dann ist der entsprechende Lärmpegel zwar vorhanden, der Lärm wird aber eher positiv bewertet“, schildert Dr. Seidler. „Die Hörschädigung erleidet eher die Schwiegermutter, die bei niedrigerem Lärmpegel eine Etage höher wohnt und eine Aversion gegen das Instrument und wohlmöglich auch gegen den Musiker besitzt.“
Bei Menschen, die schon viele Jahre in ihrem Beruf sind, kommt außerdem hinzu, dass das so genannte „Stressmanagement“ zunehmend eingeschränkt ist; die Belastungsfähigkeit lässt nach, man wird dünnhäutiger und empfindlicher. Hierfür gibt es physiologische Gründe: Der Mensch hört im zunehmenden Alter vor allem hohe Frequenzen immer schlechter die sogenannte Altersschwerhörigkeit. „Da Lärm meist im Hochtonbereich abläuft und so die Unterscheidungsfähigkeit zwischen Nutzgeräusch (Sprache) und Störgeräusch (Lärm) stark eingeschränkt ist, wird es immer schwieriger, im Lärm überhaupt etwas zu verstehen. Die Toleranz der Geräuschkulisse gegenüber sinkt, die Kommunikation wird immer schwieriger, der Stress steigt“, so Dr. Seidler. Und gerade Kindergärtnerinnen sind oftmals seit vielen Jahren in ihrem lärmintensiven Beruf tätig.
Erfolgreiche Therapie und Präventionsmaßnahmen
Ihren Beruf übt Katharina Moll inzwischen wieder mit Freude aus. Entscheidend war für sie, dass ihr der Zusammenhang zwischen permanenter Lärmbelästigung und Stressentstehung deutlich wurde. In der Reha hat Moll vor allem aktive Möglichkeiten gelernt, mit der Lärmbelastung im Kindergarten besser umzugehen. So legt sie inzwischen bewusst Lärmpausen ein und hat das zeitweilige Tragen von Ohrstöpseln als Lärmschutz in ihren Alltag integriert. „Besonders im Hinblick auf den Arbeitsplatz ist es von entscheidender Bedeutung, psychologische und mechanische Verfahren zum Lärmschutz einzustudieren. Die Patienten sollen verstehen, was genau sie zuvor gestresst hat und welche Möglichkeiten es gibt, künftigen Stress besser zu bewältigen“, unterstreicht Dr. Seidler.
Als zusätzliche Präventionsmaßnahme wurden in Katharina Molls Kindergarten jene Kisten, in welche die Bauklötze geräumt werden, mit Schaumstoff ausgelegt. Allein diese Maßnahme brachte eine Lärmminderung von 15 Dezibel und kostete den Kindergarten kaum etwas. „Man sollte am Arbeitsplatz bewusster auf die akustische Umweltverschmutzung achten“, sagt Dr. Seidler. „Häufig kann mit verhältnismäßig geringen Mitteln eine große Wirkung hinsichtlich der Lärmverringerung erzielt werden vorausgesetzt, man macht sich das Problem bewusst.“
Über die MediClin
Die MediClin ist ein bundesweit tätiger Klinikbetreiber und einer der großen Anbieter in den Bereichen Neuro- und Psychowissenschaften sowie Orthopädie. Mit 30 Klinikbetrieben, acht Pflegeeinrichtungen und zwei Medizinischen Versorgungszentren in elf Bundesländern verfügt die MediClin über eine Gesamtkapazität von rund 7.700 Betten. Bei den Kliniken handelt es sich um Akutkliniken dies sind Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung, der Schwerpunktversorgung und Fachkliniken und um Fachkliniken für die medizinische Rehabilitation. Für die MediClin arbeiten rund 6.900 Mitarbeiter.
Über die MediClin Bosenberg Kliniken
Die Bosenberg Kliniken in St. Wendel umfassen eine Fachklinik für Neurologie und klinische Neurophysiologie, eine Fachklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Innere Medizin sowie eine Klinik für Hörgeschädigte und Cochlea-Implantate. Die Bosenberg Kliniken sind eine der größten Tinnitus-Spezialkliniken in Deutschland.
Für weitere Informationen:
MediClin
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MediClin Bosenberg Kliniken
Chefarzt HNO Fachklinik und Tinnitus-Spezialklinik
Dr. Harald Seidler
Am Bosenberg
66606 St. Wendel
Tel: 06851/14-260
harald.seidler@bosenberg.mediclin.de
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